Ein Bericht über das Reisen durch Ruanda und Goma während meines Forschungsaufenthaltes Ende 2017.

Eine Busfahrt durch Ruanda.

Nach nur einer Woche in der Demokratischen Republik Kongo fühlt sich der Grenzübertritt zurück nach Ruanda an wie Heimkommen. Alle sprechen plötzlich wieder eine Sprache, die ich problemlos verstehe (Kinyarwanda*1), ich weiß, welchen Preis ich für ein Moto von der Grenze zum Busbahnhof auf der ruandischen Seite der Grenzstadt*2 in der mir bekannten Währung verhandeln kann und fahre dann vier Stunden lang über die mir so vertrauten Hügel Ruandas. Nach Einbruch der Dunkelheit – tagein tagaus um 18.30 Uhr – erreiche ich Kigali, dessen Skyline und tausende von Stadtlichtern ich bereits von Fernem bewundern kann.

Zur Begrüßung wurde mein Lieblingsessen – Erbsen mit Süßkartoffeln – gekocht. Im Familienkreis verbringe ich ein wunderbares Wochenende: Wir kochen die typischen Fladen (Capati), was sich fast wie Plätzchenbacken anfühlt, am Sonntag besuche ich meine Kirchengemeinde, wo ich von meinem Chor erneut herzlichst willkommen geheißen werde und wandere durch die so sauberen Straßen der ruandischen Hauptstadt. Im Supermarkt in einem der vielen Glanzhochhäuser der Stadt kaufe ich mir Bücher und Farben für die Abende in Goma, bevor ich am Montag wieder die Reise in die andere Richtung antrete.

Sonnenaufgang über Kigali © MLE (alle Fotos)

Bereits um 5.30 Uhr nehme ich einen der unzähligen Kleinbusse Richtung Kivusee am Hauptbahnhof Kigalis, der auch in den frühen Morgenstunden nichts an seinem von lauter Musik beschallten Getümmel aus Marktverkäuferinnenn, Pendlern, Busgesellschafts-Mitarbeitern, die alle versuchen, mich in ihre Busse zu zerren, Boutiqueinhaberinnen und trotzdem tiefenentspannten Reisenden verloren hat. Von einem Hügel aus, den wir gerade aufgrund des neu eingeführten Geschwindigkeitsgesetz in Schneckentempo erklimmen, kann ich einen wunderschönen Sonnenaufgang über Kigali betrachten und stelle kurz darauf mit Wohlwollen fest, dass es an der Raststätte nach einer Stunde Fahrt nun auch Coffe2go in recycelten Bechern gibt.

Während der nächsten drei Stunden Richtung Nordosten zeigt sich, dass sich zwar Ruandas Hauptstadt rasend schnell entwickelt und ich dort auch nach nur vier Monaten Abwesenheit neue Hauptstraßen, Kreisverkehre und Einkaufszentren kennen lernen kann, doch auf dem Land ticken die Uhren des Kapitalismus langsamer. Bereits ab 6 Uhr morgens sind unzählige Menschen mit Wasserkanistern oder Holz auf den Köpfen, Babys auf den Rücken und Fahrrad-Taxis unterwegs, in den Dörfern qualmt es teilweise aus den Dächern, dort wird auf den kleinen Blech-Herden mit Kohle gekocht, und Kinder in Schuluniformen rennen Rädern, die sie an Stöcken führen, hinterher. Wir fahren durch die nördliche Stadt Musanze am Fuß des Vulkan-Nationalparks und dann noch eine Stunde bis zum Ufer des Kivusees. Endstation Gisenyi um 9.30 Uhr. Die Sonne steht schon weit oben am Himmel, das Alltagsleben ist im vollen Gange und an uns joggen Soldat*innen beim allmorgendlichen Training vorbei. Gisenyi ist fast genauso gut organisiert, wie Kigali, die Straßen sind alle geteert, durchweg gesäumt von schwarz-weiß angestrichenen Bordsteinkanten und der Strom fällt selten aus.

An der Grenze heißt es dann erstmal: Warten. „Ach, das ist der neue Reisepass von Deutschland? Den habe ich ja noch nie gesehen!“ Erneutes Warten, während mein Visum lieber einmal zu viel als einmal zu wenig kontrolliert wird – doch  die Aus- und Wiedereinreise in die DR Kongo funktionieren mit Geduld dann trotzdem reibungslos.

Eine Motofahrt durch Goma.

Auf dem Moto mit Chance durch Goma

Ich bin positiv überrascht. Eine Woche früher ist man aus dem neuen riesigen Grenzgebäude Ruandas über eine makellos geteerte Straße auf eine kongolesische Schotterpiste gekommen und hat seinen Pass in Holzhütten von zu lauter Musik summenden aber gleichzeitig grimmig dreinschauenden Beamten kontrollieren lassen. Nun ist auch das neue Grenzgebäude auf der kongolesischen Seite eröffnet.

Chance, mein Glück.

Hinter der Grenze rufe ich meinen Motofahrer Chance an. Er ist einer der Menschen, die ihren Namen zu hundert Prozent verdient haben. Was für ein Glück, ihn bereits an meinem zweiten Tag in Goma von meiner Kollegin vermittelt bekommen zu haben, er ist mein erster kongolesischer Freund. In Goma sollte man anders als in Kigali nicht mit jedem Moto-Fahrer bedenkenlos mitfahren, an uns rasen viele vorbei, als ob sie ohne Helm, dafür aber mit teils zwei Mitfahrer*innen, auf der Autobahn unterwegs wären – tatsächlich ist es aber nur eine staubige und vor allem steinige Straße, die zum Teil aus grauem Geröll des letzten Vulkanausbruchs 2002 besteht. Ganz Goma ist grau und trotz seiner Lebendigkeit und dem Chaos herrscht auch aufgrund des trüben Wetters in der Regenzeit, der Vulkanasche in jeder Straße und der Abwesenheit jeglichen Grüns in der Innenstadt eine eher triste Atmosphäre.

Chance aber grinst immer, fährt bedacht und stellt diejenigen in den Senkel, die mir beim Vorbeifahren obszön ihre Liebe erklären. „In Goma sind alles Dorftrottel, obwohl es eine Stadt ist,“ meint er des Öfteren und lacht, „also ich meine, ich bin ja auch aus Goma, aber trotzdem!“ Ab und an hupt er, den Polizisten kennt er.

Von der Grenze fahre ich am Montag direkt ins Büro, ein kleiner Raum in einem Unigebäude mit drei Holztischen und vielen Aktenordnern. Ich sitze dort mit meinen zwei Kolleg*innen und meinem Chef. Für Sitzungen gehen wir in einen größeren Raum, wo sich niemand mehr am Benzin-Gestank vom Stromgenerator und der Dämmrigkeit zu stören scheint, aber ich freue mich, wenn die Vorhänge zurückgezogen werden und frische Luft reinkommt. Zurzeit arbeiten wir an unserer Website und bereiten ein weiteres ‚tribune de l’expression populaire‘ vor. Dieses Mal laden wir im November Jugendliche aus Goma und Gisenyi ein, die dann einen Tag lang gemeinsam über das Thema ‚Freundschaften auf der anderen Seite der Grenze via Soziale Netzwerke‘ diskutieren. Es ist wichtig, Vorurteile zwischen den Bürger*innen der zwei so unterschiedlichen Nachbarstaaten abzubauen und ein friedliches Miteinander zu schaffen. Friedensschaffung zählt hier in Goma eh zur Aufgabe eines Journalisten, ganz anders als bei uns. Bei anderen Veranstaltungen dieser Art, die CORACON bereits durchgeführt hat, wurden mit kongolesischen Jugendlichen andere wichtige Themen wie zum Beispiel ‚Gewaltfreie Kommunikation und Konfliktlösung‘ gerade in der von Krieg so gezeichneten Region besprochen. Zu Mittag esse ich manchmal mit meinen Kolleg*innen in lokalen Restaurants oder kleinen Supermärkten, wo für uns zwei Stühle und ein Karton als Tisch aufgestellt werden. Das Essen ist vergleichbar mit dem, was ich aus Ruanda kenne, doch der Fleischkonsum hier ist extrem.

Chance zeigt mir seine Stadt, hier auf dem Weg zum Hafen hinter dem Mount Goma.

Nachmittags holt mich Chance wieder am Büro ab. Manchmal springt sein Moto nicht mehr an, eigentlich müsste es längst in die Werkstatt – aber das Geld reicht dafür nicht aus und die Zeit nutzt er lieber, mir mit großer Freude seine Stadt zu zeigen. 17 Uhr Feierabend, noch eine Stunde bis es dunkel wird und gerade regnet es nicht, es ist nur relativ kühl. „Hast du Zeit? Dann nehmen wir einen anderen Weg und ich zeige dir noch den Hafen.“ Hab ich. Hinter Chance sitzend fahre ich durch die Innenstadt auf überfüllten Hauptstraßen von Kreisverkehr zu Kreisverkehr, dass ab und an große, weiße UN-Autos teils mit bewaffneten Soldaten auf der Ladefläche vorbeikommen ist schon lange keine Sensation mehr. Wenn wir gerade links auf die Hauptstraße abbiegen, sind wir auch gerne mal einige Zeit lang gegen den Verkehr unterwegs, bis wir durch die vielen Autos, Motorräder und Handkarren endlich auf die richtige Straßenseite kommen.

 

Das Stadion ist noch “im Bau”.

Ich kann mir den Namen eines Kreisverkehrs nicht merken, Chance findet das ziemlich lustig und zieht mich ständig damit auf. Ein anderer Kreisverkehr besteht aus einem Polizisten, der auf einem Podest in der Mitte wild gestikulierend unerlässlich in seine Trillerpfeife pustet, eine Ecke weiter gibt es aber immerhin eine Fußgängerbrücke. Wir kommen am Stadion Gomas mit dem meist von Nebel umhüllten Vulkan im Hintergrund vorbei. Meine Kollegin meinte, es sei noch im Bau, so kann man den Zerfallszustand auch definieren.

 

 

Eine Frau steht vor dem Chukudu-Kreisverkehr und versucht, die einzige gute Straße der Großstadt zu überqueren.
Chukudu-Fahrer bei der Pause in Goma.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf einem anderen Kreisverkehr ist ein goldenes ‚Chukudu‘, das ist ein großes Holzrad, auf dem Männer Handelsware transportieren, typisch DR Kongo, sowas habe ich in Ruanda noch nie gesehen. Chance echauffiert sich gerne über die Zustände in seinem Land. „Schau dir diesen Staub an, und das im Viertel, wo der Gouverneur der Nord-Kivu-Region lebt. Eine Schande ist das!“ Wenn mal wieder seiner Ansicht nach angemessen viele Autos auf viel zu wenigen Straßen unterwegs sind, weil seine Regierung die einfach nicht gebaut bekomme, fahren wir Umwege.

Einer führt mitten durch ein großes Fußballfeld: Hauptsächlich Asche und Müll, der hier überall auf den Straßen verbrannt wird, zu einem Feld mit Holztoren verwandelt. Das Feld grenzt an den Mount Goma, auf dessen Gipfel alle Sendemasten stehen, der aber schwer bewacht ist. Auf der Seite des Fußballfelds ist am Fuße des Bergs das Vulkan-Warnzentrum mit seinen Sirenen, die im Falle einer Evakuierung losgehen. Aber wie an in der Stadt verteilten Schildern zur Aktivität des Vulkans weht auch hier die gelbe Fahne, normale Warnstufe, der Vulkan ist aktiv aber es besteht keine Gefahr. Bevor ich am Freitag nach Kigali fuhr, kursierten zwar Gerüchte über einen Vulkanausbruch, auch die Erde bebte wohl wenige Tage zuvor auf der anderen Seite des Vulkans, aber die Behörden haben Entwarnung gegeben, auch wenn es zuvor gar nicht erst eine Warnung gab.

Das Fußballfeld liegt am Fuße des Mount Goma, direkt unterhalb des Vulkan-Warnzentrums.
Manchmal fährt Chance mit mir direkt durchs Fußballfeld.

 

Auf der anderen Seite des Mount Goma ist der Hafen. Hier legen mehrmals täglich Passagierschiffe zur anderen Seite des Sees im Süden ab, aber auch hier können wir uns nicht lange aufhalten. Unser Moto wird von jungen Männern, die sich in den Weg werfen und sich an meinem Rock festhalten, gestoppt. Chance ist aufgebracht, ich das erste Mal tatsächlich verängstigt. Letztlich wollten sie nur Geld. Auch wenn ich manchmal auf der Straße irgendwo kurz stehe oder gar vor dem Büro auf Chance warte, wollen mir oft Leute ihre Probleme von der kranken Tante, die im Krankenhaus ist und dem Kind, das wegen Finanzierungsschwierigkeiten nicht mehr in die Schule kann, erzählen. Es ist unangenehm und ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich hier ganz anders, um nicht zu sagen eigentlich gar nicht, auf Leute zugehe als zum Beispiel in Kigali, wo ich ja sogar meinen Ehemann mitten auf der Straße kennenlernte.

Doch ich kann es den Leuten nicht verdenken. Die Stadt ist von NGOs und Weißen mit im Verhältnis extremen Gehältern überrannt, die Armut ist allgegenwärtig. Trotzdem, noch präsenter ist der Überlebenswille, jede*r ist umtriebig in dieser Stadt, über der ständig das ohrenbetäubende Brummen der Stromgeneratoren, das Rattern des UN-Hubschraubers, das Summen der Moskitos und das laute Stimmen- und Lachgewirr der gesprächigen Bewohner*innen liegt.

Kurz vor Einbruch der Dämmerung setzt mich Chance wieder zu Hause ab. Am nächsten Morgen wird er pünktlich wie ein Junghans-Uhrwerk aus meiner Heimatstadt im Schwarzwald um 8.15 Uhr wieder vor dem Tor stehen und mich mit einem breiten Grinsen und Erklärungen zu seiner Stadt schwungvoll in den Tag fahren. Goma ist anders, das Alltagsleben und die Kultur hier sind anders, als gedacht. Es herrscht eine andere Art von Chaos, als ich sie bereits kenne, Vieles ist mir noch völlig unverständlich und viel zu komplex, um es in nur sechs Wochen verstehen zu können.*Aber ich mag es hier, hier gehöre ich gerade irgendwie hin.

Denn trotz allem: Goma ist eine pulsierende, lebendige Stadt – die allerdings am offenen Herzen operiert wird und ich bin mir nicht sicher, ob die Assistenzärzte (NGOs und UN) den desaströsen Chefarzt (Staat/ Regierungssystem) bei dieser komplizierten und lange dauernden Operation, von der das Leben abhängt, tatsächlich so viel besser vertreten können.

*Anmerkung: In Goma kann man sich ohne Probleme mit allen auf Französisch unterhalten. Die Muttersprache Swahili kann ich aber leider (noch) nicht, wodurch mir erst auffällt, wie gut ich tatsächlich Kinyarwanda kann!

*2 Erklärung: Gisenyi in Ruanda und Goma in der DR Kongo haben sich aus einer Stadt entwickelt, die durch die Staatsgrenze geteilt wurde.

*3 Es ist mir (noch) unmöglich, den sehr komplexen Kontext, all die Konflikte, die Schwierigkeiten, die aktuelle Lage der Region und die Rolle der NGOs wirklich erklären zu können. Vielleicht lest ihr euch bei Interesse einfach mal selbst ein wenig was über die Nord-Kivu-Region durch.

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Post Author: louisa

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